August von Kotzebues Stücke für die Eröffnung des königlich-städtischen Theaters in Pest

von | 13/04/2021

Ein Gastbeitrag von Mária Rózsa (Budapest)

In den Theatern von Pest-Ofen wurden im Vormärz nicht nur deutsche Klassiker gespielt, das Repertoire beherrschten die im ganzen deutschsprachigen Raum damals modischen Autoren. So stand an erster Stelle August von Kotzebue, von dem man zwischen 1800 und 1811 in der Hauptstadt des Ungarischen Königreichs 48 Stücke aufführte.[1] Seine Stücke liefen sowohl in der Originalsprache als auch in zahlreichen ungarischen Übertragungen mit großem Erfolg.[2] Seine in Buchform herausgegebenen Werke wurden auch schnell vergriffen.

Der Bau des königlich-städtischen Theaters (genannt: Deutsches Theater), am Theaterplatz (heute: Vörösmarty-Platz) in der Innenstadt von Pest begann  im Frühjahr 1808 und wurde nach den Plänen von Johann Amann (1765 ̶ 1834), dem namhaften Architekten der Monarchie, aufgeführt. Die Bauarbeiten gingen aber sehr langsam, stockend voran. Amann zeigte wenig Lust zwischen Wien und Pest hin und her zu pendeln, obwohl seine Auslagen ersetzt wurden. Als Hilfe bekam er den jungen ungarischen Architekten Michael Pollack (Mihály Pollack, 1773 ̶ 1855), den künftigen Schöpfer des Ungarischen Nationalmuseums. Pollack führte die Arbeiten vor Ort durch und scheute nicht vor Auseinandersetzungen mit Amann zurück. Zur Eröffnungsfeier des prächtigen Theatergebäudes wurde ursprüglich der 12. Februar 1812, der Geburtstag des Kaisers Franz I., bestimmt. Da dieser Tag aber in diesem Jahr auf den Aschermittwoch fiel, wurde die festliche Eröffnung vorgezogen und auf den 9. Februar vorverlegt.

August von Kotzebues Stücke für die Eröffnung des königlich-städtischen Theaters in Pest

Abb. Das deutsche Theater in Pest. Kolorierte Radierung, 19. Jh., Quelle: http://erkel.oszk.hu

Für die Eröffnungsfeier wurde der Starbühnenautor August von Kotzebue gebeten, eine Festspieltrilogie zu schreiben. Für den musikalischen Teil konnte Ludwig van Beethoven (1770 ̶ 1827) gewonnen werden. Kotzebue lieferte das Drama „Bela’s Flucht” mit dem Vorspiel „König Stephan oder Ungerns [!] erster Wohltäter” und dem Nachspiel „Die Ruinen von Athen”.[3] Die für das Vorspiel gewählte Gestalt des Königs Stephan, eines magyarischen Fürsten, der das Königreich Ungarn gründete, barg die Erinnerung an die früheren Konflikte zwischen Osten und Westen in sich.[4] In „Bela’s Flucht” (Leipzig, 1813) verarbeitet Kotzebue eine Episode aus dem Leben des ungarischen Königs Bela IV.[5] Die Wahl von ungarischen Themen versprach große Erfolgssaussichten auch für dramatische Vorstellungen, die auf den deutschen Theaterbühnen des Ungarischen Königreichs gegeben wurden. Kotzebue bearbeitete auch früher schon ungarische Stoffe in seinen Schauspielen.[6] So steht die Lebensgeschichte des ungarischen Magnaten Móric Ágost Benyovszky im Mittelpunkt des Dramas „Graf Benjowsky oder Die Verschwörung auf Kamtschatka” (Leipzig, 1795). Ferner spielt auch die Beziehungskömodie „Die Corsen” (Lepzig, 1799) am Hofe eines ungarischen Grafen.[7]

Was die Eröffnung des deutschen Theaters in Pest angeht, so hat man sich schließlich aus der Befürchtung der ungewollten Anspielungen auf den Kaiser Franz I. gegen „Bela’s Flucht” entschieden. Stattdessen wurde das Gelegenheitsstück „Die Erhebung von Pest zur königlichen Freistadt” gegeben, dessen Autor aber unbekannt ist.[8] Das neue Gebäude des Theaters erwies sich im Dauerbetrieb als ungünstig gebaut, denn der enorme Saal hatte eine schlechte Akustik und war schwer zu beheizen. Es wird angenommen, dass wahrscheinlich die problematische Heizung die Ursache der Brandkatastrophe gewesen ist, der das Theatergebäude am 2. Februar 1847 zum Opfel fiel.

Über die Eröffnungsfeier 1812 berichtete jedoch die Preßburger Zeitung mit begeisterten Worten: „Unstreitig ist dieses Schauspielhaus das größte und schönste in der ganzen österr. Monarchie, es faßt über 4000 [richtig: 3500 Sitzplätze, M. R.] Menschen, und ist nichts an demselben, was Eleganz, Kunst und Zweck erfordern, versäumt worden.” Es wurde über die aufgeführten Stücke auch berichtet, die an den nächtsfolgenden Tagen wiederholt worden seien. „Das Haus war jedesmal zum Erdrücken voll. Das schöne reiche Innere dieses, die prächtigen Dekorationen und kostbaren Kostüme vereinigten sich harmonisch zusammen wirkend mit dem gelungenen Bestreben der Schauspieler und des stark besetzten Orchesters zu dem großen Effekt, welchen solche Kunstwerke und eine solche Feyerlichkeit erwarten lassen.”[9]


[1] Tarnói László: „Dem Mimen flicht die Nachwelt keine Kränze” : Deutschsprachige Schauspielkunst im alten Pest-Ofen. In: „Bretter, die die Welt bedeuten”: 200 Jahre Deutsches Theater in Pesth. Hrsg. Gábor Kerekes, Angéla Korb. Budapest: Ad Librum, 2013, S. 22.

[2] Zu Kotzebues in Pest-Ofner deutschsprachigen Theatern aufgeführten Schauspielen siehe die Bibliographie: Deutsche Theater in Pest und Ofen, 1770 ̶ 1850 : normativer Titelkatalog und Dokumentation. Hrsg. von Hedvig Belitska-Scholtz und Olga Somorjai unter Mitarb. von Elisabeth Berczeli und Ilona Pavercsik. Budapest: Argumentum [1995], Bd. I, 574, Bd. II, S. 581 ̶ 1276.

[3] Die Textbücher werden in der Széchényi-Nationalbibliothek in Budapest aufbewahrt: Ungerns [!] erster Wohltäter: ein Vorspiel mit Chören. [Musik von] Ludwig van Beethoven; [Text] von August von Kotzebue. Pesth: [s.n.] 1812; Die Ruinen von Athen : ein Nachspiel mit Chören und Gesängen. [Musik von] Ludwig van Beethoven; [Text] von August von Kotzebue. Pesth: [s.n.] 1812.

[4] Kerényi Ferenc: A vándorszínészet első szintje, az állandósulás kísérletei [Erste Stufe der wandernden Schauspielkunst, Versuche zur Stabilisierung]. In: Magyar színháztörténet [Ungarische Theatergeschichte] 1790 ̶  1873. Budapest: Akadémiai Kiadó 1990, S. 136.

[5] Vgl. Kotzebues Dramen. Ein Lexikon. Hg.v. Johannes Birgfeld, Julia Bohnengel, Alexader Košenina. Hannover: Wehrhahn, 2020, S. 23-24.

[6] Siehe dazu: Tarnói, „Dem Mimen flicht die Nachwelt keine Kränze”, S. 22 ̶ 23.

[7] Vgl. Kotzebues Dramen. Ein Lexikon. Hg.v. Johannes Birgfeld, Julia Bohnengel, Alexader Košenina. Hannover: Wehrhahn, 2020, S. 39-40, S. 87-88.

[8] Robert Gragger: Geschichte der deutschen Literatur in Ungarn.Von Maria Teresia bis zur Gegenwart. I. Vormärz. Wien Leipzig: Buchdruckerei und Verlagsbuchandlung Carl Fromme, 1914, S. 9.

[9] Pest, vom 12. Februar. In: Preßburger Zeitung Nr. 13 (18. Februar 1812), S. 127 ̶ 128.

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